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Manchmal muss man das Familienglück vor die Tür stellen: Mit systemischen Aufstellungen eine neue Perspektive bekommen

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Vor ein paar Monaten hatte ich eine dieser kleinen Krisen, die ohne die richtige Unterstützung von außen zu einer richtig großen Krise anwachsen können. Ich hatte permanent das Gefühl, dass unsere Familie nicht glücklich sei und dass ich als Mama versage.

Worin auch immer ich uns mit anderen Familien verglich, wir kamen schlecht weg. Ein Bild, das mir im Kopf hängen blieb: Der Abendbrottisch. In wie vielen Ratgebern steht zu lesen, dass das gemeinsame Abendessen ein ganz wichtiger Faktor im Leben der guten Erziehung ist? Eine gute Familie kommt abends zusammen und unterhält sich, ungestört von Fernseh- und Radiogeräuschen oder Smartphones, über die Erlebnisse des Tages. Das ist unglaublich wichtig. Das ist nicht verhandelbar. Und das ist ein wichtiger Maßstab für eine gute Erziehung – vor allem in Zeiten von Termindruck, Fastfood und der zunehmenden Vereinsamung von Menschen. Die Ratgeber und Zeitschriftenartikel flüsterten mir also zu: Wenn du das nicht hinkriegst, versagst du als Mama. Und deine Kinder können in dieser Gesellschaft nicht bestehen. Und überhaupt: Du trägst zur allgemeinen Verrohung der Gesellschaft bei. Zusätzlich kannte ich das gemeinsame Abendessen als wichtiges Ritual aus meiner eigenen Familie – nicht immer harmonisch wie in den Ratgebern, aber wir hatten es zumindest versucht – und durchgehalten!

Mein Abendbrottisch sah in der Realität etwa so aus: Oft nur Mama mit Kindern anwesend, weil der Papa das Ritual weder aus der Herkunftsfamilie wichtig fand noch zeitlich immer arrangieren konnte. Und zwei Kinder, die über das Essen nörgelten und grundsätzlich lieber Kopfstand auf der Eckbank machten als beim Essen stillzusitzen und Mama von ihrem Tag zu erzählen. Und eine Mama, für die sich Abend für Abend das eigene Versagen deutlicher zeigte. Ich sprach das Thema bei einer Heilpraktikerin an und sie machte mit mir eine Aufstellung.

Die Bedeutung von Aufstellungen in der systemischen Beratung und die Kritik an Aufstellungsarbeit

„Wohl kaum ein Ansatz hat die Diskussion in der systemischen Therapie so angefacht und polarisiert wie der von Bert Hellinger. Sein Name ist mit der Methode der »Familienaufstellung« verbunden. Aufstellungsarbeit ist mit der Skulpturarbeit und dem Psychodrama verwandt: Eine Person stellt im Rahmen einer Gruppe (also nicht mit ihren realen Verwandten) ihre Herkunftsfamilie auf. Dabei wird nur von wenigen Basisdaten ausgegangen, nur äußere Ereignisse sind wichtig, etwa ob jemand gestorben ist, verstoßen wurde, frühere Partner, Kinder, die nicht mehr als zur Familie gehörig betrachtet werden, oder Ähnliches. Der Protagonist stellt die Rollenspieler dann in ein Verhältnis zueinander, die einzige Aufgabe ist, ein »stimmiges Bild« im Raum aufzubauen. In der anschließenden Arbeit wird dann nach einem neuen »guten Bild« gesucht, das eine Repräsentation einer »guten Ordnung« für den Betreffenden darstellen könnte, ein neues inneres Bild als Ressource. Die Therapeutin lässt sich dabei von den Rückmeldungen der Rollenspieler leiten (also ob eine Veränderung in der Konstellation als »besser« oder »schlechter« erlebt wird)“, schreiben Arist von Schlippe und Jochen Schweitzer in ihrem Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I (2012, Abschnitt 4.4). An der Methoden scheiden sich die Geister – was die einen als tiefgreifendes, befreiendes Erlebnis mit völlig neuen Einsichten beschreiben, sehen andere als gefährlich an – besonders, wenn Schockzustände hervorgerufen werden, vom Therapeuten einseitig interpretiert und im Nachgang nicht fachmännisch begleitet werden. In der systemischen Beratung gibt es inzwischen eine große Bandbreite an Möglichkeiten, mit Aufstellungen zu arbeiten.

Wie hypnotisiert von einem Stuhl

Meine Heilpraktikerin stellte mit mir in der Praxis meine Herkunftsfamilie und meine eigene kleine Familie auf. Nur sie und ich waren anwesend, als Stellverteter für die anderen Familienmitglieder nutzten wir Stühle. Als ich ihr erzählte, dass ich glaube, wir seien als Familie nicht so glücklich wie andere Familien, holte sie einen zusätzlichen Stuhl mit leuchtend blauer Sitzfläche in den Raum. Der Stuhl stand für unser Familienglück. Von dem Moment an war ich wie hypnotisiert von diesem Stuhl. Ich konnte nichts anderes mehr tun, als ihn anzustarren, ich konnte meinen Kopf nicht mehr heben. Innerlich lachte ich über die Situation, nach außen war ich gelähmt. Bis die Heilpraktikerin den Stuhl hob und vor die Tür stellte. Ich blickte wieder auf. Und sah die Stellvertreterstühle meiner Kinder und meines Partners wieder an. Und genauso ging es mir danach auch in der Familie: Ich hatte wieder einen Blick für die anderen und fokussierte nicht mehr auf dieses abstrakte Glück als Familie. Irgendwie sah ich wieder, was jeden Einzelnen bewegte und hörte auf, von ihnen ein Verhalten einzufordern, das meinem Bild vom Familienglück entsprach. Und auch an unseren Abendbrottisch kehrte Ruhe ein und der Papa kam immer öfter von sich aus gerne dazu.

Wie ich mit Aufstellungen arbeite

Ich arbeite nicht mit Stellvertretergruppen oder Ähnlichem und muss für Familienstellen beispielsweise auf meine Heilpraktikerin Nicola Jochner verweisen.

Aber bei mir findet ihr Kärtchen, die für eure inneren Anteile stehen. Oder wir sehen uns eine Situation, die euch aktuell bewegt, auf einem systemischen Brett an. Wir spüren hinein in einen Konflikt mit Erziehern aus dem Kindergarten oder in eine schwierige Arbeitssituation. Und dann bringen wir Bewegung in die Situation!

Mögliche Anwendungsfelder sind zum Beispiel:

– berufliche oder private Entscheidungssituationen
– Schwierigkeiten bei Schlaflosigkeit von älteren Kindern
– Gereiztheit, Antriebslosigkeit
– Konflikte mit Kollegen oder in der Familie

Systemische Aufstellung

 

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